Drei

Es gibt zwei Sorten von Menschen: die einen leben in der Vergangenheit, die anderen in der Zukunft, denn die Gegenwart gibt es nicht. Sie ist nichts weiter als die Zukunft der Vergangenheit oder die Vergangenheit der Zukunft, je nachdem, wie man es gern hätte. Ich konnte mich weder für die eine noch für die andere Perspektive erwärmen. Genauso wenig, wie ich mich dafür erwärmen konnte, kleine rosa Täschchen mit Playboyhasen drauf zu kaufen, Glitzerlidschatten zu tragen oder mir 3D-Blumen auf die künstlichen Fingernägel zu malen. Ich wusste nie, was ich wollte. Aber ich wusste – wenn auch nicht immer - , was ich definitiv nicht wollte: So sein wie die anderen.

Aber wer waren die anderen? Glaubte man Alejandro Amenábar und Nicole Kidman, waren das diejenigen, die um Mitternacht in weißen Bettlaken aus den Standuhren krochen und mit Ketten – wo auch immer sie die herhaben mochten – seltsame Geräusche verursachten.
Doch für mich waren die anderen anders.
Da waren die anderen mit den ordentlich geflochtenen Haaren und den Strickjacken aus rabattierten Versandhauskatalogen, die in ihren ordentlich eingebundenen Hausaufgabenheften immer noch die Ecken abrissen und in den Schulpausen mit ihren Banknachbarn über Notendurchschnitte debattierten.
Dann waren da die anderen, die gar keine Notendurchschnitte hatten, weil sie vor lauter Coolness jede Arbeit schwänzten und von denen sich komischerweise ständig mindestens einer fand, der am Wochenende eine Party veranstaltete und zusätzlich noch richtig guten Stoff besorgen konnte.
Es gab auch andere, die selbst bei Glatteis die Welt mit Highheels erfreuten und jede Woche ein neues glänzendes Bauchnabelpiercing präsentierten, das farblich perfekt mit dem künstlichen Haarteil und dem Selbstbräuner abgestimmt war.
Ich hatte nicht genügend Geduld, um mir die Haare zu flechten, nicht genügend Ansehen, um eine Party zu veranstalten und nicht genügend Talent, um mit Selbstbräuner umgehen zu können, ohne dass ich am Ende aussah wie ein Brandopfer.
Aber der eigentliche Unterschied zwischen mir und den anderen lag weder an der Frisur noch an Strickjacken oder Fingernägeln. Er lag so tief, dass ihn wohl nie jemand erahnt hätte, hätte ich nicht zufälligerweise den rot leuchtenden Sicherheitsschalter umgelegt und die Axt aus der Glasvitrine geholt.


Wenn man schon kein Glück hat, dann braucht man wenigstens Schmerz. Und zwar mehr als jemand jemals ertragen könnte.

6.12.06 17:57

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