Zwei

Mein Zimmer war klein, aber immer noch groß genug für ungefähr 2500 Augen, die von alten Fotos, unsauber heraus getrennten Zeitungsseiten und überteuerten Plakaten eine wunderbare Sicht auf das permanent herrschende Chaos in diesem dunklen, schmalen Raum hatten. Es gab nicht einen, der in mein Zimmer kam und nicht versuchte, die Buchstaben, die in falscher Reihenfolge an meiner Holzdecke klebten, zusammenzusetzen. Und es gab ebenso wenig jemanden, der die Ironie des Onkelztitels „Eine Botschaft für Paranoide“  verstand.  Die Leute, die in mein Zimmer kamen, schienen generell sehr wenig für Sarkasmus und die offene Kritik der Sinnlosigkeit übrig zu haben. Das alte Poster des World Trade Centers, das Leila und ich irgendwann einmal der Aktualität wegen mit ein paar Flammen, einem Flugzeug und springenden Menschen verziert hatten, und an dessen unterem Rand nun Usama Bin Laden gemeinsam mit George W. Bush Bier trinkend saß, um Wertetafeln für die Flugkurven hochzuhalten, wurde ausschließlich – wenn überhaupt – mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtet.
Mehr Aufmerksamkeit bekam meine Calvin Klein-Werbungsammlung, die an der Seite meines Kleiderschrankes hing und jede Menge nackte, verschwitzte Körper zeigte, die sich gegenseitig Flaschen in den Mund oder Zungen in die Ohrmuscheln schoben. Auf dem Arm eines Mannes, der gerade eine blonde Schönheit festhielt, stand der Slogan „Just one moment can change everything“. Hätte ich nicht die meiste Zeit damit verbracht, mich selbst zu bemitleiden, wäre mir vielleicht die philosophische Tiefe dieser zwei Zeilen aufgefallen. Aber so sah ich nur die blonde Schönheit, die ihre weißen Zähne zeigte, die seidigen Haare über die schmale Schulter schmiss und sich an diesen dunkelhaarigen, muskulösen Typen drückte. Ich fragte mich, wie viel Geld sie für dieses Foto wohl bekommen hatten.
Ich war 17. Ich hatte keine weißen Zähne, obwohl ich schon seit Jahren die so hoch angepriesene Samtweiß-Zahnpasta benutzte. Ich hatte keine seidigen Haare, sondern strohige Locken, die ich seit einem dreiviertel Jahr jede Woche zwei Mal zwei Stunden lang glättete und dabei das Nachmittagsprogramm von RTL verfluchte. Ich hatte zwar eine Schulter, aber keine schmale, und ich war nicht blond, sondern färbte mir die Haare regelmäßig in verschiedenen Farben, in der Hoffnung, irgendwann das Passende zu finden und jedes Mal mit der zu späten Einsicht, wieder daneben gegriffen zu haben. Ich war keine Schönheit, zumindest keine, der man ohne zu zögern eine Rolle in einem 100 Millionen Dollar-Streifen an der Seite von Jude Law gegeben hätte. Und vor allem hatte ich keinen dunkelhaarigen, muskulösen Typen, an den ich mich hätte drücken oder auf dessen Arm ich unüberlegte Wörter hätte schreiben können.
Ich war eine von den Leuten, denen man in amerikanischen Teeniefilmen den Part der besten Freundin mit den ausheulerprobten Schultern gegeben hätte, vielleicht auch den der Klassenbesten in den gebügelten Karottenhosen oder den der unauffälligen Außenseiterin, die nur dadurch auffiel, dass sie nicht auffiel.
Ich wollte lieber die beliebte Schönheitskönigin sein, und wenn schon nicht die, dann doch wenigstens die intrigante Schnepfe mit den knappen Kleidern oder der Freak mit den Latzhosen und der Pumuckl-Frisur.
Doch höchstwahrscheinlich war ich einfach nur eine Durchschnittsjugendliche, die in einem Durchschnittshaushalt aufwuchs und sich mit Durchschnittsproblemen rumschlagen musste. Man hätte mich für herkömmlich halten können, für ein einziges neutrales kleines Strichmännchen, das in der großen Masse von neutralen kleinen Strichmännchen verschwamm.
Wenn da nicht das Lama gewesen wäre, das an meinem Heizungsrohr hing.
Wenn meine Mutter mir ein schlechtes Gewissen machen wollte, erzählte sie mir von meiner Geburt, bei der sie 24 Stunden in den Wehen gelegen hatte. Ich kam verkehrt herum auf die Welt, ein Sternguckerkind mit einem von der Zange verbogenen Kopf und ein bisschen zu wenig Luft, weil es auf dem langen Weg nach draußen irgendwo stecken geblieben war. 13:13Uhr, ein angemessener Termin, wenn man mich fragt. Als mich meine Eltern Milaine nannten, gab es einen riesigen Streit zwischen ihnen und entfernten Verwandten, weil diese unbedingt wollten, dass ich Jesus heiße, und wenn schon nicht Jesus, dann doch wenigstens Adam oder Eva. Diesen Fehler konnten sie glücklicherweise 5 Jahre später wieder gut machen, als sie meiner Schwester den Namen Christina gaben, den diese wiederum nicht mochte und jedes Mal einen ihrer berühmten Tobsuchtsanfälle bekam, wenn ihn jemand in ihrer Gegenwart aussprach oder buchstabierte.
Ich für meinen Teil mochte meinen Namen. Er bedeutet „Die Dunkle“. Ich pflegte zu sagen, dass das gut zu meiner schwarzen Seele passt. Und zu den toten Engeln, die an meiner Wand hingen.

6.12.06 14:01

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