Null

F L Ü G E L L O S

6.12.06 12:58, kommentieren

Eins

Wenn ich einen goldenen Ring oder einen weißen Zauberer mit einem noch weißeren Stock hätte, dann wäre ich unter Umständen dazu in der Lage, ein  ordentliches Buch zu schreiben. Eins von denen, die jeder kennt, aber die offiziell nie einer gelesen hat: Dorian Gray von Oscar Wilde, Hamlet von Shakespeare, Nichts als die Wahrheit von Dieter Bohlen. Aber bis auf einen Stimmungsring, den ich vor langer Zeit in einem Billigwarenhandel geklaut habe, und einem Playmobilritter aus Plastik, der ominöser Weise seit geraumer Zeit auf meinem Schreibtisch steht, bin ich relativ mittellos. Man könnte also der Vernunft wegen diese Flitzidee zu den Akten legen und lieber den Fernseher anschalten, um Paris Hilton dabei zuzusehen, wie sie Sand aus ihrem Bauchnabel pult.
Aber ich befürchte, die Vernunft ist mir irgendwo zwischen gestern und heute verloren gegangen.

6.12.06 13:00, kommentieren

Zwei

Mein Zimmer war klein, aber immer noch groß genug für ungefähr 2500 Augen, die von alten Fotos, unsauber heraus getrennten Zeitungsseiten und überteuerten Plakaten eine wunderbare Sicht auf das permanent herrschende Chaos in diesem dunklen, schmalen Raum hatten. Es gab nicht einen, der in mein Zimmer kam und nicht versuchte, die Buchstaben, die in falscher Reihenfolge an meiner Holzdecke klebten, zusammenzusetzen. Und es gab ebenso wenig jemanden, der die Ironie des Onkelztitels „Eine Botschaft für Paranoide“  verstand.  Die Leute, die in mein Zimmer kamen, schienen generell sehr wenig für Sarkasmus und die offene Kritik der Sinnlosigkeit übrig zu haben. Das alte Poster des World Trade Centers, das Leila und ich irgendwann einmal der Aktualität wegen mit ein paar Flammen, einem Flugzeug und springenden Menschen verziert hatten, und an dessen unterem Rand nun Usama Bin Laden gemeinsam mit George W. Bush Bier trinkend saß, um Wertetafeln für die Flugkurven hochzuhalten, wurde ausschließlich – wenn überhaupt – mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtet.
Mehr Aufmerksamkeit bekam meine Calvin Klein-Werbungsammlung, die an der Seite meines Kleiderschrankes hing und jede Menge nackte, verschwitzte Körper zeigte, die sich gegenseitig Flaschen in den Mund oder Zungen in die Ohrmuscheln schoben. Auf dem Arm eines Mannes, der gerade eine blonde Schönheit festhielt, stand der Slogan „Just one moment can change everything“. Hätte ich nicht die meiste Zeit damit verbracht, mich selbst zu bemitleiden, wäre mir vielleicht die philosophische Tiefe dieser zwei Zeilen aufgefallen. Aber so sah ich nur die blonde Schönheit, die ihre weißen Zähne zeigte, die seidigen Haare über die schmale Schulter schmiss und sich an diesen dunkelhaarigen, muskulösen Typen drückte. Ich fragte mich, wie viel Geld sie für dieses Foto wohl bekommen hatten.
Ich war 17. Ich hatte keine weißen Zähne, obwohl ich schon seit Jahren die so hoch angepriesene Samtweiß-Zahnpasta benutzte. Ich hatte keine seidigen Haare, sondern strohige Locken, die ich seit einem dreiviertel Jahr jede Woche zwei Mal zwei Stunden lang glättete und dabei das Nachmittagsprogramm von RTL verfluchte. Ich hatte zwar eine Schulter, aber keine schmale, und ich war nicht blond, sondern färbte mir die Haare regelmäßig in verschiedenen Farben, in der Hoffnung, irgendwann das Passende zu finden und jedes Mal mit der zu späten Einsicht, wieder daneben gegriffen zu haben. Ich war keine Schönheit, zumindest keine, der man ohne zu zögern eine Rolle in einem 100 Millionen Dollar-Streifen an der Seite von Jude Law gegeben hätte. Und vor allem hatte ich keinen dunkelhaarigen, muskulösen Typen, an den ich mich hätte drücken oder auf dessen Arm ich unüberlegte Wörter hätte schreiben können.
Ich war eine von den Leuten, denen man in amerikanischen Teeniefilmen den Part der besten Freundin mit den ausheulerprobten Schultern gegeben hätte, vielleicht auch den der Klassenbesten in den gebügelten Karottenhosen oder den der unauffälligen Außenseiterin, die nur dadurch auffiel, dass sie nicht auffiel.
Ich wollte lieber die beliebte Schönheitskönigin sein, und wenn schon nicht die, dann doch wenigstens die intrigante Schnepfe mit den knappen Kleidern oder der Freak mit den Latzhosen und der Pumuckl-Frisur.
Doch höchstwahrscheinlich war ich einfach nur eine Durchschnittsjugendliche, die in einem Durchschnittshaushalt aufwuchs und sich mit Durchschnittsproblemen rumschlagen musste. Man hätte mich für herkömmlich halten können, für ein einziges neutrales kleines Strichmännchen, das in der großen Masse von neutralen kleinen Strichmännchen verschwamm.
Wenn da nicht das Lama gewesen wäre, das an meinem Heizungsrohr hing.
Wenn meine Mutter mir ein schlechtes Gewissen machen wollte, erzählte sie mir von meiner Geburt, bei der sie 24 Stunden in den Wehen gelegen hatte. Ich kam verkehrt herum auf die Welt, ein Sternguckerkind mit einem von der Zange verbogenen Kopf und ein bisschen zu wenig Luft, weil es auf dem langen Weg nach draußen irgendwo stecken geblieben war. 13:13Uhr, ein angemessener Termin, wenn man mich fragt. Als mich meine Eltern Milaine nannten, gab es einen riesigen Streit zwischen ihnen und entfernten Verwandten, weil diese unbedingt wollten, dass ich Jesus heiße, und wenn schon nicht Jesus, dann doch wenigstens Adam oder Eva. Diesen Fehler konnten sie glücklicherweise 5 Jahre später wieder gut machen, als sie meiner Schwester den Namen Christina gaben, den diese wiederum nicht mochte und jedes Mal einen ihrer berühmten Tobsuchtsanfälle bekam, wenn ihn jemand in ihrer Gegenwart aussprach oder buchstabierte.
Ich für meinen Teil mochte meinen Namen. Er bedeutet „Die Dunkle“. Ich pflegte zu sagen, dass das gut zu meiner schwarzen Seele passt. Und zu den toten Engeln, die an meiner Wand hingen.

6.12.06 14:01, kommentieren

Drei

Es gibt zwei Sorten von Menschen: die einen leben in der Vergangenheit, die anderen in der Zukunft, denn die Gegenwart gibt es nicht. Sie ist nichts weiter als die Zukunft der Vergangenheit oder die Vergangenheit der Zukunft, je nachdem, wie man es gern hätte. Ich konnte mich weder für die eine noch für die andere Perspektive erwärmen. Genauso wenig, wie ich mich dafür erwärmen konnte, kleine rosa Täschchen mit Playboyhasen drauf zu kaufen, Glitzerlidschatten zu tragen oder mir 3D-Blumen auf die künstlichen Fingernägel zu malen. Ich wusste nie, was ich wollte. Aber ich wusste – wenn auch nicht immer - , was ich definitiv nicht wollte: So sein wie die anderen.

Aber wer waren die anderen? Glaubte man Alejandro Amenábar und Nicole Kidman, waren das diejenigen, die um Mitternacht in weißen Bettlaken aus den Standuhren krochen und mit Ketten – wo auch immer sie die herhaben mochten – seltsame Geräusche verursachten.
Doch für mich waren die anderen anders.
Da waren die anderen mit den ordentlich geflochtenen Haaren und den Strickjacken aus rabattierten Versandhauskatalogen, die in ihren ordentlich eingebundenen Hausaufgabenheften immer noch die Ecken abrissen und in den Schulpausen mit ihren Banknachbarn über Notendurchschnitte debattierten.
Dann waren da die anderen, die gar keine Notendurchschnitte hatten, weil sie vor lauter Coolness jede Arbeit schwänzten und von denen sich komischerweise ständig mindestens einer fand, der am Wochenende eine Party veranstaltete und zusätzlich noch richtig guten Stoff besorgen konnte.
Es gab auch andere, die selbst bei Glatteis die Welt mit Highheels erfreuten und jede Woche ein neues glänzendes Bauchnabelpiercing präsentierten, das farblich perfekt mit dem künstlichen Haarteil und dem Selbstbräuner abgestimmt war.
Ich hatte nicht genügend Geduld, um mir die Haare zu flechten, nicht genügend Ansehen, um eine Party zu veranstalten und nicht genügend Talent, um mit Selbstbräuner umgehen zu können, ohne dass ich am Ende aussah wie ein Brandopfer.
Aber der eigentliche Unterschied zwischen mir und den anderen lag weder an der Frisur noch an Strickjacken oder Fingernägeln. Er lag so tief, dass ihn wohl nie jemand erahnt hätte, hätte ich nicht zufälligerweise den rot leuchtenden Sicherheitsschalter umgelegt und die Axt aus der Glasvitrine geholt.


Wenn man schon kein Glück hat, dann braucht man wenigstens Schmerz. Und zwar mehr als jemand jemals ertragen könnte.

6.12.06 17:57, kommentieren